Aktuelles/Briefing Room

Studien und Co.

Forum for the Future "Tackling Microfibres at Source": Das Forschungsprogramm wurde von der gemeinnützigen Organisation Forum for the Future in Zusammenarbeit mit dem Textilhersteller Ramatex und H&M geleitet. Die Studie stellt die Ergebnisse eines 21-monatigen Forschungs- und Untersuchungsprozesses vor und gibt Empfehlungen, wie Textilhersteller*innen, Marken und Einzelhändler*innen aktive Schritte zur Reduzierung der Mikrofaserverschmutzung unternehmen können. Fünf wichtige Aspekte, die Mikrofaserverschmutzung verringern können: 1. Robuste Abwasseraufbereitungssysteme 2. Umstellung von Nass- auf Trockenverfahren 3. Keine Behinderung vom Wandel durch Preisdruck der einkaufenden Unternehmen 4. Schaffung neuer Wege für die Zusammenarbeit von Marken und Lieferant*innen zur Ermöglichung nachhaltiger Lösungen 5. Finanzierungsmöglichkeiten durch die Politik in Forschungsbereiche (z.B. Auswirkungen auf die menschliche Gesundheit (siehe hierzu auch: Plastic Soup Foundation "Do Clothes Make Us Sick? Fashion, Fibers and Human Health" (PDF)) oder Faktoren, die sich auf die Abscheidung von Mikrofasern in der Produktionsphase auswirken, z. B. Garn und Materialtyp).

News

Lage der Wirtschaft: Der Einzelhandel mit Kleidung und Schuhen in Deutschland hat 2022 ein kräftiges Umsatzwachstum gegenüber dem Vorjahr erzielt. Demnach lagen die Erlöse mit Textilien, Bekleidung, Schuhen und Lederwaren hierzulande im vergangenen Jahr nominal um 30,4% über dem Niveau von '21. Die erheblichen Einbußen im Zuge der Covid-19-Pandemie konnte die Branche damit aber noch nicht wieder wettmachen: Real verfehlte der Umsatz mit Textilien, Bekleidung, Schuhen und Lederwaren das Niveau von '19 um 7,9% (Zahlen von Destatis). Angesichts von Inflation und Konsumflaute rechnet der Einzelhandel in Deutschland in diesem Jahr mit eher schlechten Geschäften. Der Umsatz werde preisbereinigt voraussichtlich um 3% zurückgehen, prognostizierte der Handelsverband Deutschland (HDE). Nur wegen der Inflation werde der Umsatz nominal – mit Preiserhöhungen eingerechnet – um 2% steigen. Das Konsumbarometer für Februar zeigte jedoch eine deutliche Aufhellung der Verbraucherstimmung und stieg den vierten Monat in Folge. Der Umsatz im E-Commerce sank um rund 5% auf 101,7 Mrd. Euro. Besonders bei Mode, Hobby und Freizeit sowie Unterhaltungselektronik brechen aktuell Spontaneinkäufe weg, so der Branchenverband BEVH. In die Zukunft blickt die E-Commerce-Branche trotz des jüngsten Rückschlags optimistisch. Die Auswahl, Verfügbarkeit und Transparenz im Onlinehandel würden von den Kund*innen gerade jetzt geschätzt. Bundeswirtschaftsminister Habeck rechnet mit einem weiteren Absinken der zurzeit hohen Inflation. Nach 7,9% im vergangenen Jahr erwarte man für '23 im Jahresschnitt 6%, im Januar lag die Inflation bei 8,7% (Bekleidung und Schuhe verteuerten sich '22 lediglich um 2,6%). Zudem werde erwartet, dass das Bruttoinlandsprodukt (BIP) um 0,2% zulegt, wie aus dem Jahreswirtschaftsbericht hervorgeht ('22 waren es +1,9%). Zu einem Rückgang des BIP im Jahresdurchschnitt '23 werde es somit, anders als noch im Herbst erwartet, voraussichtlich nicht kommen.

Transparenz: Viele Unternehmen wissen nicht, welche Produktionsstätten sich in ihren Lieferketten befinden, oder sie haben nicht die Ressourcen oder die finanzielle Bandbreite, um dies herauszufinden. Aus diesem Grund hat der Spezialist für Traceability-Lösungen FibreTrace eine neue digitale Plattform ins Leben gerufen, die bis Ende des Jahres kostenlos zur Verfügung steht und nach eigenen Angaben die globale Textil-Lieferkette von der Faser bis zum Einzelhandel abbilden kann. Es können alle Arten von Zertifizierungen und Daten zu Produktionsauswirkungen hochgeladen und kombiniert werden, von GOTS-Zertifizierungen bis zur Einhaltung lokaler Arbeitsbedingungen. Die auf Blockchain basierende Plattform mit dem Namen FibreTrace Mapped soll Transparenz in einer einfach zu bedienenden, weltweit zugänglichen Plattform bieten, die die Hürde zur Transparenz für Produzent*innen, Hersteller*innen, Marken und Einzelhändler*innen beseitigt (Vorstellungsvideo). 

Produktionsländer

Türkei und Syrien: Fair Wear berichtet über die Auswirkungen des Erdbebens in der Türkei und Syrien. Laut der Datenbank von Fair Wear gibt es schätzungsweise insgesamt 21 Fabriken, die Fair Wear-Mitglieder beliefern, die sich in den von den Erdbeben betroffenen Gebieten befinden. Da sich das erste Erdbeben am frühen Morgen ereignete, wurden bisher keine Verluste von Arbeiter*innen aus diesen Fabriken gemeldet. Das zweite Erdbeben ereignete sich im Laufe des Tages, und es heißt, dass die Menschen das Gelände verlassen konnten. In einigen Gebieten sind Fabrikgebäude beschädigt, andere haben Risse bekommen, und einige sind völlig unbeschadet geblieben. Das Team von Fair Wear in der Türkei steht in Kontakt mit den Fabrikmanagern, um die Auswirkungen auf die Zulieferer und Arbeiter*innen zu beurteilen. Einige Arbeiter*innen und ihre Angehörigen sollen unter den Trümmern ihrer Häuser gefangen sein. Um Mitgliedsmarken zu unterstützen, hat Fair Wear einige vorgeschlagene Maßnahmen skizziert. Durch die Maßnahmen soll u.a. sichergestellt werden, dass die Produktion nicht wieder aufgenommen wird, bevor zugelassene Statiker*innen das Fabrikgebäude als sicher eingestuft haben. Zudem soll sichergestellt werden, dass es keine unrechtmäßigen Entlassungen von Arbeiter*innen gibt. Aufträge sollen nicht ohne angemessenen Dialog storniert oder ersetzt werden. Auch Better Cotton Landwirt*innen und Programmpartner*innen gehören zu den Opfern, und viele Mitglieder - darunter Entkörnungsbetriebe, Spinnereien und Händler*innen - sind in den betroffenen Gebieten ansässig. Man suche nun nach Möglichkeiten, die Better Cotton Gemeinschaft in den betroffenen Gebieten zu unterstützen. Sourcing Journal berichtet von großen Modemarken wie H&M und Inditex, die Geld- und Sachspenden in die Türkei senden. Die Verbände und Unternehmen, die im Erdbebengebiet tätig sind, sammeln Informationen zur Situation der Mitarbeiter*innen und ihren Familien. Die meisten Fabriken seien unbeschädigt, da es neue Gebäude sind. In Diyarbakir werden Textilfabriken stillgelegt und zur Unterbringung von Überlebenden genutzt.

Bangladesch: Die Regierung hat eine Überprüfung der monatlichen Mindestlöhne für die Beschäftigten in der Konfektionsindustrie eingeleitet. In diesem Zusammenhang hat das dem Ministerium für Arbeit und Beschäftigung unterstellte Arbeitsministerium die Arbeitgeberverbände BGMEA und BKMEA um die Benennung von Vertreter*innen gebeten, die sie in der Lohnkommission zur Neufestsetzung der monatlichen Mindestlöhne vertreten sollen. Im Jahr 2018 hat die Regierung zuletzt die Löhne von rund vier Millionen Bekleidungsarbeiter*innen überprüft und den Mindestlohn für Einsteiger*innen von 5.300 auf 8.000 Taka (ca. 71 Euro) festgelegt. In den letzten Monaten hatten Arbeitnehmerorganisationen 20.000-25.000 Taka (ca. 222 Euro) als monatliche Mindestlöhne für Berufsanfänger*innen gefordert (siehe dazu auch das News Update der KW 38 '22). Die IndustriALL-Mitgliedsorganisationen fordern die Regierung zudem auf, auch Vertreter*innen der Arbeitnehmenden in den Ausschuss mit aufzunehmen.

Myanmar: Am 01.02., dem zweiten Jahrestag des Staatsstreichs, zeigten Bilder in den sozialen Medien leere Straßen in einigen der größten Städte Myanmars, nachdem Aktivist*innen, die in städtischen Gebieten nicht mehr sicher protestieren können, zu einem "stillen Streik" aufgerufen hatten. Die Menschen wurden aufgefordert, zu Hause zu bleiben und ihre Geschäfte ab 10 Uhr für mehrere Stunden zu schliessen, um ihren Widerstand gegen die Militärjunta zu zeigen (Tweet mit Fotos von Khaing Zar Aung). Das Vereinigte Königreich, die USA und Kanada haben am gleichen Tag neue Sanktionen gegen das Militär verhängt, darunter auch Maßnahmen, die darauf abzielen, die Lieferung von Flugbenzin an die Luftwaffe zu stoppen, die beschuldigt wird, wahllos zivile Gebiete zu bombardieren. Sourcing Journal veröffentlichte ein umfangreiches Update zur Situation in Myanmar mit O-Tönen von u.a. von den Gewerkschafterinnen Khaing Zar und Myo Myo Aye, und Vertreter*innen vom Business and Human Rights Ressource Center (BHRRC), IndustriALL, WRAP und der Ethical Trading Initiative (ETI). Unternehmen wie Adidas und H&M beziehen trotz massiver Menschenrechtsverletzungen noch immer aus Myanmar. In einem Interview spricht Ma Tin Tin Wai von der Federation of General Workers in Myanmar (FGWM) über die Arbeit der Gewerkschaft und über trotz der Repressionen streikende Arbeiter*innen.

Unternehmen im Textilbündnis

Deuter hat zum zehnten Mal in Folge die Auszeichnung „Fair Wear Leader“ erhalten, die von der Fair Wear Foundation nach Bestehen eines strengen „Brand Performance Checks“ verliehen wird. Deuter erhielt nach der Auditierung, in der verschiedene Indikatoren sowie die Umsetzung fairer Arbeits- und Produktionsbedingungen bewertet werden, 94 von 100 möglichen Punkten.

H&M: Nachdem sich H&M über ein Umsatzplus von 12% in '22 freute (siehe News Update der KW 2), verkündet der Konzern nun im Jahresbericht einen Gewinnrückgang von 68% (Nettogewinn belief sich auf 318 Mio. Euro). Neben Sondereffekten belasteten höhere Fracht- und Materialkosten sowie Preisnachlässe die Bruttomarge, gleichzeitig drückten höhere Vertriebsausgaben und die Einmalkosten des laufenden Reformprogramms das Ergebnis.