Aktuelles/Briefing Room

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Studien und Co.

Biodiversität: TextileExchange "Biodiversity Insights Report 2021 - First globale baseline of the apparel and textile industry" (PDF): Der erste Biodiversity Report von Textile Exchange stellt Daten von 157 Mode- und Textilunternehmen zusammen, darunter H&M, Primark, Puma und Tchibo. Die biologische Vielfalt wird immer mehr zu einem Schwerpunktbereich - 51% der Unternehmen erkennen sie als vorrangiges Risiko an, 59% haben sich öffentlich dazu verpflichtet, sich mit ihr zu befassen. Eine wachsende Zahl von Unternehmen beginnt, Maßnahmen zu ergreifen, um ihre Auswirkungen zu mindern - 80% verwenden verstärkt zertifizierte Materialien, 15% ordnen die Beschaffungsstandorte dem Wert der biologischen Vielfalt zu und 8% verfügen bereits über eine explizite Biodiversitätsstrategie. Center for Biological Diversity & Collective Fashion Justice’s CIRCUMFAUNA Initiative "Shear Destruction: Wool, Fashion and the Biodiversity Crisis" (PDF): Der Report berichtet über die ökologischen Auswirkungen von Wolle: Von der Zerstörung von Lebensräumen durch weidende Schafe bis hin zu den Chemikalien, die beim Waschen verwendet werden - der gesamte Prozess der Schafzucht und der Verarbeitung von geschorener Wolle in brauchbare Fasern ist laut der Autor*innen mit Gefahren für die Tierwelt verbunden. Große Bekleidungs- und Textilmarken sollten in die Forschung und Entwicklung von alternativen Wollmaterialien investieren. Bei der Abschaffung von Wolle sollte die Branche auf Alternativen setzen, die nicht von aus fossilen Brennstoffen gewonnenen Fasern (wie Acryl, Polyester und Nylon) abhängig sind, da diese mit ihren eigenen schädlichen Klima- und Umweltauswirkungen verbunden sind.

STAND.earth "Nowhere to Hide: How the Fashion Industry is linked to Amazon Rainforest Destruction": Die Analyse zeigt die Involvierung von 100 Modemarken in die Abholzung des Amazonas-Regenwalds - u.a. Adidas, Esprit, Puma und H&M. Obwohl sich keine dieser Marken bewusst für Leder aus Abholzung entscheidet, arbeiten sie mit Hersteller*innen und Gerbereien zusammen, die ihre Waren aus undurchsichtigen Lieferketten beziehen, und mit Unternehmen, die bekanntermaßen Verbindungen zu Rinderhaltungen auf kürzlich abgeholztem Amazonasland haben. In einer interaktiven Karte werden die Verbindungen visualisiert. Auch im neuen Koalitionsvertrag (PDF) von SPD, FDP und Grünen wird auf das Thema Entwaldung/Abholzung eingegangen: "Wir unterstützen den Vorschlag der EU-Kommission zum Gesetz für entwaldungsfreie Lieferketten” (S.34).

Greenpeace "Freiwillige Selbstverpflichtung - Ein Mode-Märchen über grüne Fast-Fashion - Teil 1: Fortschritte der Detox-Firmen bei Eliminierung gefährlicher
Chemikalien, Entschleunigung der Warenströme und Entwicklung von kreislauffähigen Geschäftsmodellen
" (PDF) & "Self regulation: a fashion fairytale - Part 2: Evaluation of Detox Committed brands, 2021 - the ten-year milestone" (PDF): Im Detoxreport 1 werden die Erfolge der Detox-Kampagne herausgestellt; dennoch ist die NGO beunruhigt über die Modeindustrie, die "alles andere als umweltfreundlich" ist. Das Problem läge nicht mehr bei Chemikalien, sondern bei Überproduktion. Im dritten Kapitel werden deswegen Empfehlungen für die EU-Textilstrategie und das Lieferkettengesetz gegeben. Im Detoxreport Part 2 wird nach zehn Jahren nach Beginn der Kampagne ein Resümee gezogen und 29 (der insgesamt 80) Unternehmen, die das Detox-Commitment unterschrieben haben, werden untersucht (u.a. Adidas, C&A, Esprit, H&M, Primark, Puma, Aldi, Lidl, Rewe, Tchibo und Vaude. Sie alle verzichteten in über 90% ihrer Produktionsstätten auf giftige und besonders umweltschädliche Chemikalien. Auf den Seiten 11-14 befindet sich eine Übersicht über die Detox-Commitments, ab Seite 15 finden sich Visualisierungen über Kreislaufwirtschaft-Bemühungen.

Fashion Revolution "Out of Sight: A call for Transparency from Field to Fabric - Updated Brand Scorecard": Der Bericht kritisiert den Mangel an Transparenz nach den direkten Lieferant*innen (Tier-1) der einkaufenden Unternehmen: Am Anfang der Lieferketten, wo Stoffe gestrickt oder gewebt, Textilien behandelt und gewaschen, Garne gesponnen und gefärbt, Fasern sortiert und verarbeitet und Rohstoffe angebaut und geerntet werden. Nur 29 der untersuchten 63 Marken legen Verarbeitungsbetriebe wie Färbereien offen; 28
legen die Produktionsstätten wie z.B. Stofffabriken offen. Aus diesem Grund arbeitet Fashion Revolution mit der Tamil Nadu Alliance zusammen, um die mehr als 60 großen Bekleidungsmarken und Einzelhändler*innen aufzufordern, die Transparenz über die erste Ebene hinaus zu erhöhen.

News

Recycling: In einem Artikel des Guardian wird der Frage nachgegangen, ob Kleidugsstücke aus recycelten Synthetikfasern wie Polyester wirklich eine "bewusstere" Wahl sind. Der Großteil der recycelten Fasern (ca. 85%) wird aus PET-Flaschen gewonnen. PET-Flaschen sind Teil eines gut etablierten, geschlossenen Recyclingsystems, in dem sie mindestens zehnmal effizient recycelt werden können. Die Bekleidungsindustrie entzieht sie für recyceltes Polyester diesem System und führt sie in ein lineares System über, da die meisten dieser Kleidungsstücke nicht recycelt werden können. Die Umwandlung von Plastik aus Flaschen in Kleidung kann den Weg zur Mülldeponie sogar noch beschleunigen, vor allem bei minderwertigen, schnell hergestellten Kleidungsstücken, die oft schon nach ein paar Mal Tragen weggeworfen werden. Auch das Mikroplastik-Problem wird durch recycelte Fasern nicht beseitigt. Problematisch wird vor allem gesehen, dass viele Unternehmen ihre recycelten Produkte als "nachhaltig" bezeichnen und Konsument*innen so in die Irre geführt werden. Die Anpreisung der geringeren Emissionsauswirkungen von recycelten Garnen lenkt zudem von der Garnherstellung und Nassprozessen (Färben und Ausrüsten) ab, die für den Großteil der Lebenszyklusemissionen eines Kleidungsstücks verantwortlich sind.

Lieferkettengesetz: Die Europäische Kommission hat ihr Vorhaben, Unternehmen zu mehr Schutz von Menschenrechten und Umweltstandards in ihren Lieferketten zu verpflichten, ohne Angabe von Gründen vertagt. Der ursprünglich für Juni 2021 geplante Entwurf für ein EU-Lieferkettengesetz verschiebt sich damit bereits zum dritten Mal. Der niederländische Außenhandels- und Entwicklungsminister De Bruijn erklärt daraufhin seine Enttäuschung und kündigt an, dass die Regierung ein nationales Gesetz zur menschenrechtlichen und ökologischen Sorgfaltspflicht entwickeln und einführen wird. Der Vorschlag könnte schon bald fertig sein, da das Ministerium bereits "Bausteine" für die Gesetzgebung vorbereitet hat. Die Europäische Koalition für Unternehmensgerechtigkeit und 60 zivilgesellschaftliche Organisationen haben unterdessen einen offenen Brief an die EU-Kommissar*innen und andere politische Entscheidungsträger*innen gerichtet, in dem sie sie auffordern, die künftigen Rechtsvorschriften für Menschenrechte und umweltbezogene Sorgfaltspflichten von Unternehmen geschlechtsspezifisch zu gestalten.

Zwangsarbeit: Das European Center for Constitutional Rights (ECCHR) hat mit Unterstützung der Menschenrechtsanwälte von Prakken d'Oliveira Strafanzeige gegen mehrere niederländische und US-amerikanische Textil- und Modemarken eingereicht, die ihren europäischen Hauptsitz in den Niederlanden haben. Sie argumentieren, dass Patagonia, Nike, C&A und State of Art direkt oder indirekt an der Zwangsarbeit von Angehörigen der uigurischen Bevölkerung in der chinesischen Provinz Xinjiang beteiligt gewesen sein könnten. Sie fordern die niederländische Staatsanwaltschaft auf, die mutmaßliche Mitschuld der Unternehmen an Menschenrechtsverletzungen zu untersuchen, die auf Verbrechen gegen die Menschlichkeit hinauslaufen könnten. ECCHR hatte zuvor in Deutschland wegen ähnlicher Vorwürfe rechtliche Schritte gegen Aldi, C&A, Hugo Boss und Lidl, eingeleitet (siehe News Update der KW 37). Südwind nimmt Stellung zu den bisher veröffentlichten Review-Berichten der Unternehmen im Textilbündnis. Die unternehmensindividuelle, öffentliche Berichterstattung wird als positiv gesehen, allerdings entwickelte kaum ein Unternehmen aus den (zum Teil sehr differenzierten) Risikoanalysen Ziele oder Maßnahmen, die eine Null-Toleranz-Politik gegenüber dem Risiko der Zwangsarbeit umfassend umsetzen. Zudem sei die Berufung auf Zertifikate bzw. Nachhaltigkeitsstandards das beliebteste Mittel, um zu belegen, dass man das Risiko von Zwangsarbeit minimiert hat. Dies sei nicht akzeptabel, da auch Nachhaltigkeitsstandards (wie GOTS) z.B. Zertifizierungen aus Hochrisiko-Regionen wie Xinjiang akzeptieren und keine eigene politische Verantwortung sehen. Südwind fordert deswegen Erklärungen der Unternehmen, warum sie in einer Region flächendeckender Unterdrückung und Zwangsarbeit dennoch kein Risiko für Zwangsarbeit sehen - oder einen Rückzug aus diesen Regionen.

Produktionsländer

Sri Lanka: Das Solidarity Center veröffentlicht in Kooperation mit IndustriALL eine Studie über die Arbeitsbedingungen in den Textilfabriken Sri Lankas (PDF). Lediglich 1,4% der Befragten gab an, dass sie schon einmal geschlechtsspezifischer Gewalt und Belästigung am Arbeitsplatz ausgesetzt waren. Es seien jedoch eingehendere Untersuchungen erforderlich, um zu verstehen, ob diese Berichte zutreffend sind, zumal die Beschäftigten von einem hohen Vorkommen geschlechtsspezifischer Gewalt und Belästigung in anderen Fabriken berichteten. Häufig zögerten die Arbeiterinnen, solche Themen anzusprechen, weil sie Repressalien oder eine Normalisierung solcher Praktiken im Arbeitsalltag befürchten. Die Mehrheit der Befragten (93,75%) ist nicht in Gewerkschaften tätig; 61,7% gaben an, dass sie keine Kenntnisse über die lokalen Arbeitsgesetze haben. 63,6% der Arbeitnehmer*innen gaben außerdem an, dass ihre Wohnheime überbelegt seien. 

Indonesien: Anfang Dezember erklärte das indonesische Verfassungsgericht das stark kritisierte Omnibus-Gesetz für verfassungswidrig, setzte seine schädlichsten Teile sofort außer Kraft und gab der Regierung zwei Jahre Zeit, das Gesetz zu reformieren. Das Gesetz hatte u.a. sektorale Mindestlöhne gestrichen und Abfindungszahlungen gekürzt (siehe News Updates 4, 18 und 42).