Aktuelles/Briefing Room

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Studien und Co.

SÜDWIND "Zertifiziert - und dann ist alles gut? - Arbeitsbedingungen im Fairtrade-Baumwollanbau in Indien" (PDF-Datei): Das SÜDWIND-Institut ruft Fairtrade dazu auf, den im Baumwollanbau angewendeten Fairtrade-Standard für Vertragsproduktion nachzubessern. Damit soll den Ergebnissen einer Vor-Ort-Recherche auf indischen Baumwollfeldern Rechnung getragen werden. Diese führte SÜDWIND zusammen mit dem indischen Partner Center for Labour Research and Action (CLRA) in der Saison 2020/21 durch. Verglichen wurden in dieser nicht-repräsentativen Untersuchung die Arbeitsbedingungen auf Fairtrade-zertifizierten Baumwollfarmen mit denen auf konventionellen Baumwollfarmen. Die Befragung von rund 270 Feldarbeiter*innen im Baumwollanbau in Indien zeigte, dass sich die Arbeitsbedingungen auf den Fairtrade-zertifizierten Baumwollfarmen kaum von jenen auf konventionellen Baumwollfarmen unterschieden: ob bei der Unterschreitung von Mindestlöhnen, bei Kinderarbeit außerhalb familiärer Arbeitszusammenhänge, bei Diskriminierungserfahrungen oder bei der fehlenden medizinischen Versorgung. Beobachtete Unterschiede scheinen eher im Zusammenhang mit verschiedenen Anbauregionen zu stehen. 

Business & Human Rights Journal "Mandatory Human Rights Due Diligence in Germany and Norway: Stepping, or Striding, in the Same Direction?": Das Paper von Jura-Professor Markus Krajewski und weiteren Autor*innen vergleicht das deutsche und das norwegische Gesetz zu unternehmerischen Sorgfaltspflichten. Die Betonung, dass die menschenrechtliche Sorgfaltspflicht im Einklang mit internationalen Standards stehen muss, trug in Norwegen zu einem breiten politischen Konsens und letztlich auch zur Unterstützung durch die Wirtschaft bei. In Deutschland war die Unternehmenslobby stärker und hat sich für mehr Zurückhaltung bei der Formulierung des Umfangs der Sorgfaltspflichten eingesetzt. Keines der beiden Gesetze sieht eine zivilrechtliche Haftung vor. Die Garantien für den Zugang zu Rechtsmitteln sind in beiden Gesetzen begrenzt, deswegen werden hier verbindliche Maßnahmen derzeit als am nötigsten betrachtet. Dennoch enthalten beide Gesetze neue und fortschrittliche Elemente, die die Entwicklung einer verbindlichen Sorgfaltspflicht auf EU-Ebene beeinflussen könnten. Gleichzeitig würde eine EU-Gesetzgebung, die eine umfassende ökologische Sorgfaltspflicht beinhaltet und die gesamte Wertschöpfungskette abdeckt, Reformen dieser beiden Gesetze anregen und wahrscheinlich auch erfordern.

All-Party Parliamentary Group (APPG) "All-Party Parliamentary Group on Microplastics - Microplastic Policies for the Government" (PDF-Datei): Im Rahmen der Untersuchung versuchte die Gruppe, die Freisetzung von Mikrofasern aus Kunststoff während des Waschvorgangs zu verstehen. Das Dokument ist das Ergebnis einer Reihe von Rundtischgesprächen, die von der Gruppe mit über dreißig einschlägige Organisationen geführt wurden. Darunter befanden sich weltweit tätige Waschmaschinenhersteller, führende Akademiker*innen, Vertreter*innen der Industrie und des Einzelhandels und Umweltgruppen. Während der Gespräche informierten die Vertreter*innen die Parlamentarier*innen über den aktuellen Stand der Forschung und die ihrer Meinung nach wichtigsten Probleme im Zusammenhang mit Mikroplastik. Die Gruppe erhielt auch schriftliche Stellungnahmen von relevanten Interessengruppen zu realisierbaren, ganzheitlichen politischen Vorschlägen, die, wenn sie von der Regierung umgesetzt würden, die Freisetzung von Mikrofaserkunststoff in unsere Umwelt erheblich reduzieren könnten (APPG-Bericht "Cleaning Up Fashion" siehe News Update KW 30).

CNV Internationaal "Country Information & Practical Advice on Freedom of Association (FoA) & Collective Bargaining (CB) - Vietnam" (PDF-Datei): In dem Factsheet wird die nationale Gesetzgebung Vietnams im Hinblick auf Vereinigungsfreiheit vorgestellt und Lücken zu internationalen Standards dargelegt. Zudem werden wichtige Stakeholder im Land, wie Arbeitgeberverbände und zivilgesellschaftliche Organisationen, vorgestellt. Auch die Risiken und Möglichkeiten bei der Implementierung von FoA und CB werden beleuchtet.

News

Mindestlöhne: Am Montag hat Gouverneur Gavin Newsom ein Gesetz zum Schutz von Bekleidungsarbeitern (SB62) in Kalifornien unterzeichnet. Das bedeutet, dass die mehr als 45.000 kalifornischen Bekleidungsarbeiter*innen zumindest einen Mindestlohn von 14$ (12€) für ihre Arbeit erhalten werden. SB62 bedeutet aber nicht nur die faire Bezahlung der Arbeitnehmenden, sondern auch mehr Transparenz und die Sicherstellung, dass sich keine Marke mehr selbst regulieren kann. Darüber hinaus sieht das Gesetz ein vom Arbeitsbeauftragten verwaltetes Sonderkonto vor, das im Falle der Nichtzahlung von Löhnen oder Leistungen in Anspruch genommen werden kann.

Kreislauffähigkeit: Der neue Teil der Kurzdokumentationsreihe Fashionscapes von Andrew Morgan (The True Cost) und Livia Firth (Eco-Age) "A Circular Economy" deckt auf, dass in der Branche eine falsche Kreislaufwirtschaft vorherrscht und dass anstelle eines bedeutenden Wandels und Übergangs zu einer sozial und ökologisch gerechteren Branche die Kreislaufwirtschaft gerade dabei ist, vereinnahmt zu werden. Millionen von Weltbürger*innen, die die Branche lieben, sind  sich nicht bewusst, dass sie in einer linearen Wirtschaft gefangen sind und sich mitschuldig machen an einem System der "Überproduktion für Überkonsum". Eines der größten Missverständnisse im Zusammenhang mit einer echten Kreislaufwirtschaft ist die Annahme, dass Kunststoff unendlich oft recycelt werden kann, und der immer stärker werdende Machtkampf zwischen synthetischen und natürlichen Fasern (Fashionscapes "A Living Wage" siehe News Update KW 17).

Audits:

  • Eine Analyse der Daten des Better Buying Purchasing Practice Index (BBPPI) 2021 zeigt, dass die Einführung einer standardisierten CSR-Berichterstattung durch die Einkäufer*innen den Lieferant*innen Tausende von Dollar einsparen und wichtige Investitionen in Arbeitsbedingungen, neue Technologien sowie soziale und gesellschaftliche Programme fördern kann. 85,4 % der Lieferant*innen, die im Rahmen des Better BuyingTM 2021-Bewertungszyklus die Einkaufspraktiken ihrer Kund*innen in Bezug auf nachhaltige Win-Win-Partnerschaften bewerteten, berichteten, dass ihre Kund*innen nun bestehende Audits oder Bewertungen der Arbeitsbedingungen in den Fabriken akzeptieren, anstatt neue Audits speziell für sich selbst zu verlangen. 20,3 % gaben an, dass ihre Einkäufer*innen speziell das Converged Assessment Framework (CAF) des Social Labor Convergence Program übernommen haben, ein Instrument zur Bekämpfung von Auditmüdigkeit und Doppelarbeit, das den Lieferant*innen einen Satz sachlicher, verifizierter Daten über die Sozial- und Arbeitsbedingungen in ihren Fabriken liefert. Better Buying wird Anfang '22 einen Deep Dive Report über Audit-Harmonisierung veröffentlichen. 
  • 15 Menschen- und Arbeitsrechtsorganisationen fordern die politischen Entscheidungsträger*innen der EU auf, sich mit den systemischen Problemen im Zusammenhang mit der Rolle der Sozialauditierung bei zahlreichen Katastrophen auseinanderzusetzen (z.B. Ali Enterprises, Rana Plaza). Die Mitunterzeichner*innen des offenen Briefes weisen darauf hin, dass ein Audit-Unternehmen die Fabrik Ali Enterprises in Pakistan nur wenige Wochen vor dem tödlichen Brand als sicher zertifiziert hatte - trotz ernsthafter und offensichtlicher Risiken (siehe hierzu auch die Studie vom Business & Human Rights Resource Center im News Update KW 37).

Produktionsländer

Kambodscha: Der Mindestlohn für die Beschäftigten in der Textil-, Bekleidungs- und Schuhindustrie wird ab '22 um 2$, auf 194$ angehoben. Zwar konnte die von den Arbeitgeber*innen gewünschte Senkung auf 188$ verhindert werden, jedoch liegt der nun abgestimmte Lohn weit hinter den Erwartungen der Gewerkschaften, die sich dafür eingesetzt hatten, den Mindestlohn auf 214,20$ anzuheben. Khun Tharo von der Arbeitsrechts-NGO CENTRAL argumentiert, dass die Exporte im letzten Jahr um 3% gestiegen seien, und es den Arbeitgeber*innen möglich sei, die Löhne anzheben. Zudem sagt er "Ich habe beobachtet, dass Gewerkschaftsvertreter*innen, die an den Mindestlohnverhandlungen teilgenommen haben, nicht einmal den von ihren Mitgliedern vorgeschlagenen Mindestlohn unterstützt haben, was die Tatsache widerspiegelt, dass einige Gewerkschaften ihre Rolle beim Schutz der Arbeitnehmer*inneninteressen nicht wahrgenommen haben."

Pakistan: Arbeitsrechtsorganisationen und Gewerkschaften kritisieren, dass die Regierung zu wenig für die Implementierung der Arbeitsrechte tut. Neun Jahre nach dem verheerenden Brand in der Fabrik Ali Enterprises zeigte sich erneut durch den Brand in einer Gepäcktaschen-Fabrik in Mehran (Karachi), bei dem Ende August 16 Menschen starben, dass viele Fabriken immer noch unsicher sind und zur Todesfalle werden können. Arbeitsrechtsorganisationen sprechen sich deswegen für die Erweiterung des International Accord for Health and Safety in the Garment and Textile Industry auf Pakistan aus. Arbeiter*innen setzen sich zudem bei Protesten für die Implementierung des Mindestlohns von 25.000 Rs ein, obwohl dieser kein existenzsichernder Lohn sei und Arbeiter*inneneigentlich mindestens 40.000 Rs bräuchten.

Unternehmen im Textilbündnis

Adler schließt Insolvenzverfahren ab und startet Rückzahlung von Corona-Staatshilfen

Eine Reihe von Unternehmen im Textilbündnis signalisieren Zeichen wirtschaftlicher Erholung:
Puma Chef sieht Potenzial für Umsatz-Verdopplung,
Gerry Weber will weiter expandieren,
Otto Group kann Halbjahresumsatz kräftig steigern,
Adidas beschleunigt Wachstum und hebt Prognosen an,
H&M steigert Quartalsumsatz um 9%,
ESPRIT schreibt erstmals seit 2017 wieder schwarze Zahlen,
Primark hofft auf höheres Ergebnis